Oft treffe ich Menschen, die sagen, du bist so, und mir gefällt dies und das und jenes überhaupt nicht an dir! Aber einmal traf ich einen, wobei es sicherlich viele davon gibt, der mich von oben bis unten betrachtete. Er kratzte sich am Kinn, und schaute mich noch einmal von oben bis unten an. Dann lud er mich in sein Zimmer ein.
Dort war es nicht etwa gemütlich, es gab dort weder Stuhl noch Tisch. Und die Wände waren schmucklos und grau. An einer der kahlen Wände stand ein riesiger Schrank, er bestand ausschließlich aus vielen Schubladen, die alle auf eine andere Art beschriftet waren. Er winkte mich zu diesem Schrank heran, und lud mich ein, in einer der vielen Schubfächer Platz zu nehmen. Er jedenfalls war der Meinung, dass jeder Mensch, den er traf in eine seiner Kästen passen müsste
So trat ich näher an den Schrank heran und las die Aufschriften. Auf einer der Schubladen las ich, unmenschlich während auf der nächsten das Wort warmherzig stand. Als ich die Reihen entlang schaute begegneten mir Worte wie faul, arrogant, freundlich, idealistisch, lächerlich, erfolgreich, schön, schüchtern , faul, fleißig und noch vieles mehr. Ich stutzte weil ich nicht wusste wo ich nun Platz nehmen sollte. Mir fiel schwer zu glauben, dass ich überhaupt in eine dieser zahlreichen und mit viel Mühe beschrifteten Schubfächer hinein gelangen konnte, selbst wenn die Beschreibung auf dem Zettel zu mir passen würde. So schaute ich mein Gegenüber fragend an. “Was glaubst du, was ich bin?” fragte ich mein Gegenüber schließlich.
Er blieb lange still, dann zeigte er auf eine Schublade mit der Aufschrift unentschlossen. Ich musste schon ein wenig lachen, denn was war mit all den anderen Eigenschaften, die ich auch hatte? Zählten sie gar nicht? Das sagte ich ihm natürlich sogleich, und plötzlich zeigte er auf einen Zettel mit der Aufschrift aufmüpfig. Nun wurde es mir langsam zu bunt, ich startete einen letzen Versuch, um dem Herrn klar zu machen, dass ich nicht nur aus einer Eigenschaft bestand, sondern ein ganzer Mensch sei. Wieder zeigte mein Gegenüber auf eine neue Aufschrift. Diesmal trug sie den Titel unfreundlich.
Ja das war ich auch, am liebsten hätte ich in all seinen Schubladen Platz genommen denn ich war noch viel mehr, ich wurde plötzlich unverschämt, laut, aggressiv und, hätte ich mich nicht unter Kontrolle gehabt, wäre ich sicherlich noch handgreiflich geworden. Aber ich wurde plötzlich ganz ruhig und schaute den Herrn lange an. Dann ging ich zu einem der Kästen, er trug die Aufschrift unvernünftig und zog diese auf. “Nanu, sie ist ja leer!” Und als ich viele der anderen Schubfächer aufzog, war auch hier niemand zu finden. “Soso, das dachte ich mir. Es passt niemand nur in eine Schublade, es ist niemand nur böse oder nur gut, ein Mensch hat viele Eigenschaften. Er passt nicht in ein Schema, so sehr du dir das auch wünscht, weil es vielleicht einfacher ist.”
Mit eiserner Miene stand der Mann mitten im Raum. Er tat so, als hätte er meine Worte nicht gehört. Und ich hatte plötzlich eine neue Erkenntnis gewonnen. Ich verstand plötzlich, warum so viele Menschen alleine sind, warum sie nicht in der Lage sind miteinander zu sprechen.
Viele versuchen Menschen in Schubladen zu stecken, und bei ihrem Versuch sie irgendwo unterzubringen bleiben sie allein zurück. Denn, wer will sich schon gerne in eine Form pressen lassen.
Ich kehrte dem Mann den Rücken. Und obwohl ich Gewissensbisse hatte, weil ich ihn alleine ließ, war ich doch erleichtert, als ich nach Hause kam, und dort eine schön möblierte Wohnung vorfand. Was mich aber am aller glücklichsten machte war die Tatsache, dass ich dort den Menschen begegnete, die nicht von mir verlangen würden, in einen engen Kasten zu krabbeln, sondern, die mich so nahmen, wie ich bin. Mit allen Fehlern guten und auch schlechten Seiten. Und die Vorstellung, dass viele Zettel an mir kleben müssten, weil ich in keine Schublade passe, ließ mich schmunzeln.


