Ela schreibt ein Buch – oder die Geschichte von einer, die Auszog um Autorin zu werden

Draußen stürmte es und schneite, der Wind pfiff, und machte die ohnehin warme und gemütliche Wohnung um ein vielfaches schöner und noch gemütlicher. Es war still in Elas Wohnung. Sie saß auf der Couch und grübelte über ihr Leben nach. Denn es war ihr langweilig geworden. Es war alles erledigt, was zu erledigen war, im Fernsehen kam auch nicht das, was sie gerne gesehen hätte, und zum Musik hören hatte sie auch keine Lust. So machte sie sich einen heißen Tee und beim Rückweg ins Wohnzimmer, streifte ihr Blick den alten Sekretär. Wie lange hatte sie dort schon nicht mehr gesessen. Früher einmal, als sie noch jünger war, hatte sie dort viele Stunden verbracht, vor einem weißen Papier, dass sie herausfordernd anstarrte, mit einem Füller oder Kugelschreiber in der Hand. Darauf wartend, dass die ersehnten Worte endlich ihren Weg von ihrem Kopf und damit auch auf das weiße Papier fanden.

Heute war das alles anders. Sie wurde viel zu oft von anderen Dingen abgelenkt. Es gab nun Videospiele, mp3 Player und das wichtigste, den Computer. So vergaß Ela mit der Zeit, welch wundervolles Hobby sie einmal hatte. Warum sie gerade heute an die gute alte Zeit dachte, konnte die Frau gar nicht sagen. Sie folgte eher einer Eingebung, oder einem Gefühl.

Ela setzte sich an den alten Sekretär, der immer noch wunderschön anzuschauen war, obwohl er hier und da ein paar Macken aufwies. Sie öffnete langsam die Schreibplatte, die etwas schwer herunter zu klappen war und quietschte. Da saß sie nun, wie damals in früheren Tagen. Sie legte sich ein weißes Blatt Papier zurecht. Aber die Worte wollten nicht kommen. So stand sie ärgerlich auf, und ging zu ihrem Wohnzimmertisch, wo ihr Laptop auf sie wartete. Sie setzte sich, und schaute gebannt auf den Bildschirm. Dann kam ihr die zündende Idee. Sie rief ihr Textverarbeitungsprogramm auf, und starrte den herausfordernd blinkenden Cursor an. Und plötzlich begann sie zu schreiben. Sie schrieb und schrieb und konnte so gar nicht wieder aufhören. Es dauerte eine sehr lange Zeit, bis sie Kapitel um Kapitel tatsächlich ein Buch fertig geschrieben hatte. Ein BUCH, ein ganzes Buch, freute sie sich. Sie überlegte, was nun zu tun sei, und entschied sich dafür, ihr geschriebenes der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie war stolz darauf und auch sehr zufrieden. Einige Menschen lasen ihr Werk und waren auch zufrieden. Sie gaben Tipps und halfen bei so mancher Fehlerkorrektur. Denn gerade beim schreiben, so bemerkte Ela später kam oft der böse Fehlerteufel daher. Sie wusste, dass ihr dies niemals verziehen würde, denn die meisten Menschen, auch Kritiker genannt, machen ja keine Fehler. Aber das lernte sie erst viel später.

Das Buch verkaufte sich gut, aber schon zu Anfang kamen die ersten Beschwerden. Der eine maulte, warum es denn kein gedrucktes Buch sei, der nächste bemängelte, warum es denn kein Hörbuch sei. Wieder ein anderer rügte, dass es das Genre nicht richtig treffen würde. Wieder ein anderer meckerte es sei doch viel zu langweilig geschrieben, obwohl er es nicht einmal zu Ende gelesen hatte. Und wieder ein anderer bemerkte: „schreib doch das Buch wie es der Autor X tut.“ Am nächsten Tag ging es weiter, es wurde gemeckert gemosert, und auf Ela eingeredet. Schreib es neu, überarbeite es, mach es so und bedenke dies und das!

Ela saß inzwischen resigniert und traurig auf ihrer Couch und bereute bereits, dass sie überhaupt ein Buch geschrieben hatte. Sie schlief unruhig, und vergaß alle Dinge um sich herum, weil sie so damit beschäftigt war, ein perfektes Buch herauszubringen, ein Buch, dass allen gefiel. Und schließlich, als sie es wieder und wieder und noch einmal bearbeitet hatte, war es fertig, und präsentierte sich stolz seiner Besitzerin.

Ela las es und begann plötzlich zu weinen. Verzweifelt rang sie die Hände, denn dass, was sie dort las, war nicht sie, waren nicht ihre Gedanken, ihre Empfindungen. Es waren noch nicht einmal ihre Worte. Ihr gefiel dieses Buch so ganz und gar nicht. So atmete sie tief durch, löschte das verhasste Werk von ihrem Computer, und ging spazieren.

Auf ihrem Weg lief sie durch einen alten Park. Die Bäume waren kahl, und leichte Schneeflocken wehten ihr ins Gesicht. Denn es war wieder Winter geworden. Verzweifelt lief Ela durch den Park und ihr liefen die Tränen die Wange hinunter, denn sie dachte mit Wehmut an die Charaktere in ihrem ersten Buch, das alle so überhaupt nicht leiden konnten. Sie dachte daran, wie sie die Figuren darin lieb gewonnen hatte, sie waren so, wie sie, sie sich in ihren Träumen vorstellte, wie sie, sie für sich empfunden hatte, wenn sie andere Bücher las, in denen sie vorkamen. Aber sie waren auch anders. An all diese Dinge dachte sie, als ihr plötzlich jemand auf die Schulter klopfte. Ganz sanft und zaghaft. Ela drehte sich um und erschrak, denn eine der Charaktere aus ihrem Buch stand plötzlich da. Er war genauso wie sie es in ihrem Buch beschrieben hatte. Der Mann hatte die Hände in die Hüften gestemmt und schaute Ela strafend an, sodass sie sich plötzlich ganz klein und elend fühlte. „Was machst du mit uns? Warum willst du uns fort werfen.“ Sagte der Charakter in strafendem Ton. Und obwohl seine Stimme wohltuend klang, so bemerkte Ela doch den drohenden Unterton. „Ich sperre euch nicht ein, und werfe euch nicht fort, ich will euch nur beschützen, will mich beschützen, weil ich die Geschichte nicht so geschrieben habe, wie die anderen also meine Kritiker es wollen. So habe ich eine andere geschrieben, die gefiel mir aber gar nicht. Ich habe mein Buch zurückgezogen, weil ich es keinem Recht machen kann und alle nur am schimpfen sind, und keiner ein gutes Haar an meiner Geschichte lässt, oder überhaupt nichts sagt.“ Der Mann schaute Ela belustigt an, dann schüttelte er seinen Kopf, und begann schallend zu lachen. Die Frau erschrak, denn genau das war in ihrem Buch nicht seine Art gewesen. Sie duckte sich leicht, und trat von einem Fuß auf den anderen. Sie konnte nur schwer die Blicke ihres Gegenübers ertragen. „Weißt du es denn nicht, hast du es nicht bemerkt, als du das zweite Buch geschrieben hast?“ Fragte der Charakter plötzlich. Ela schüttelte resigniert den Kopf. Sie begann im Park herum zu wandern, und schaute den Schneeflocken bei ihrem Tanz zu. Dann kam ihr ein Gedankenblitz, es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. DAS Buch, was sie vorher geschrieben hatte, war lebendig, sie mochte die Geschichte, auch wenn es zuweilen einer Alltagsgeschichte nicht ganz unähnlich war. Aber sie erkannte die phantastischen Momente in ihr, sie litt, freute sich  und weinte plötzlich noch einmal mit ihren Charakteren und sehnte sich ein glückliches Ende herbei. Jetzt verstand sie! Es war ihr Buch, sie hatte es zwar für andere geschrieben aber das Buch war sie. Es spiegelten sich ihre Gefühle, Gedanken und teilweise auch ihre Erfahrungen darin. Und – plötzlich merkte sie, dass es genauso sein sollte. Dieses Buch würde sie jetzt verteidigen und sie würde zu ihm stehen. Egal in welcher Art sie kritisiert werden würde. Denn plötzlich wusste sie, dass man etwas bereits geschriebenes weder nochmal neu schreiben kann, noch Kritik dabei hilft, dass man es ändert, es so schreibt, wie andere es gerne hätten. Als Ela diese Erkenntnis ihrem Charakter mitteilen wollte, war er bereits verschwunden. Es blieb nur der Schnee, der leicht auf ihren Kopf hernieder fiel und die Luft, die Elas Verstand endlich wieder klar werden ließ. Und sie beschloss für sich, dass sie niemals ein Buch kritisieren würde. Sie konnte es gut oder schlecht finden, aber das war auch schon alles.

So setzte Ela sich nach ihrem winterlichen Spaziergang erneut an ihr Laptop und begab sich wieder auf eine neue phantastische Reise. In der ihr der nette Charakter, den sie im Park getroffen hatte, auf wundersame Weise in anderer Form, erneut begegnen sollte.

©Astrid Hartley

Diese Geschichte ist aus einer Laune heraus entstanden, und aus vielen Gesprächen, die ich mit lieben Freunden und wohlwollenden Menschen geführt habe. Und ich habe die Erkenntnis gewonnen: Schreibe ein Buch nie so, wie es andere wollen, denn dann ist es nicht mehr dein Buch und dann bist es nicht mehr du, der durch das Buch spricht. Und: Du kannst es nicht allen recht machen. Es gibt immer Menschen die deine Geschichte mögen, und es gibt immer die, die sich abwenden, aber das ist auch gut so.

In diesem Sinne, nur Mut, schreibt eure Geschichten und lasst euch nicht beirren.

 

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2 Antworten zu “Ela schreibt ein Buch – oder die Geschichte von einer, die Auszog um Autorin zu werden

  1. Das ist eine wunderbare Geschichte Astrid!
    Und sie spricht mir aus der Seele!!!
    Ich danke dir.

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