„Almirya – Das verborgene Land Teil 1 u. 2 Leseproben

Dieser Artikel ist noch einmal von mir überarbeitet worden, da sich der Titel der Bücher komplett geändert hat, und ich keine Verwirrung stiften möchte. Außerdem habe ich nun die kleinen Leseproben durch die Endfassungen ersetzt. Allerdings behalte ich den Text, den ich damals schrieb bei.

 

Heute habe ich beschlossen, hier mal zwei Leseproben von meinem eBook Almirya – Das verborgene Land 1 (Gemeinsame Wege) , und dem zweiten Teil Almirya – Das verborgene Land (Das Schatten-Siegel)  zu posten. Dabei habe ich einfach eine Seitenzahl eingegeben und heraus kamen Kapitel 20 von Teil 1 und  aus Teil 2 werde ich ein paar Bruchstücke aus verschiedenen Kapiteln vorstellen.

Viel Spaß beim lesen!

20  In letzter Sekunde (Das verschollene Tor)

Die Tage krochen dahin, und Alex hatte noch immer kein Lebenszeichen von seiner Freundin bekommen. Er begann sein Verhalten zu bereuen, und wünschte sich, er hätte die Worte nie ausgesprochen, die er damals unüberlegt hervorgebracht hatte. Wo aber waren um Himmels Willen Isa und Eldín. Er stellte sich seine Freundin in Eldíns Armen vor. Dann schlug er sich mit der Hand gegen die Stirn. „Mensch bin ich verblödet oder was? Er hat eine Frau und Isa ist meine Freundin!“ Aber was wäre, wenn sie sich doch besser verstehen würden, als ihm lieb wäre? Sofort verwarf er diesen Gedanken wieder.

Es war schon wieder Morgen, einer von diesen trüben Tagen, die einem den Mut nahmen, wenn man sowieso schon mutlos war. Alex verspürte wenig Lust auf sein Frühstück, aber sein Magen strafte ihn Lügen. Er hatte sich gerade an den Tisch gesetzt, als es an der Tür schellte. Er stand auf und öffnete sie. Im Türrahmen stand Carmen. Sie hatte Brötchen in der Hand. Sie sah vergnügt und aufgeräumt aus. „Stör ich?“, fragte sie beiläufig, während sie mit der knisternden Tüte ohne eine Antwort abzuwarten in die Wohnung trat. Alex schloss die Tür hinter ihnen und folgte Carmen in die Küche. Sie hatte bereits die Brötchen in einen Korb gelegt. Es duftete herrlich. Sie setzte sich an den freien Platz. Alex wunderte sich, dass sie nicht nach den anderen fragte. Dann zuckte er mit den Schultern, und setzte sich zu Carmen an den Tisch. Gemeinsam genossen sie das Frühstück. Niemand sprach ein Wort. Zwischendurch war nur das leise Klirren vom Absetzen der Kaffeetassen zu hören. Ansonsten war es still in der Wohnung. Der Frau schien dies nicht aufzufallen. Alex wunderte sich immer noch darüber. Er stellte die Frage, die ihm auf den Nägeln brannte: „Vermisst du eigentlich hier niemanden?“ Sie schaute ihm direkt in die Augen. „Nein! Wieso? Sollte ich jemanden vermissen?“ Alex war es etwas unbehaglich zumute. Er schaute Carmen die ganze Zeit fest an, und ließ sie nicht aus den Augen. „Die anderen sind nicht mehr zurückgekommen. Von Isa und Eldín habe ich schon lange nichts mehr gehört und auch Lindo ist seit über fünf Tagen verschwunden.“ Sie zeigte noch immer keine Regung. Carmen stand lediglich auf und räumte das Geschirr beiseite. Alex schaute Isas Freundin von der Seite an, irgendwie schien sie ihm nicht ganz bei der Sache zu sein. Ihre Bewegungen wirkten zu sicher, zu mechanisch, zu perfekt. Spielte sie ihm etwas vor? Wusste sie etwas, das er nicht wissen sollte oder durfte? „Eigentlich vermisse ich Lindo überhaupt nicht“, begann Alex von Neuem die Unterhaltung. „Er hat mich gestört. Mit seinem Gerede über seine Welt über die schlimme Folter, die er angeblich erlebt hat. Das sind alles Schauergeschichten! Das hat mich überhaupt nicht beeindruckt.“ Alex hielt erneut inne und beobachtete Carmen, die krampfhaft damit beschäftigt war, das Geschirr zu spülen. Das hatte sie noch nie getan. „Und dann dieses komische Zeugs das Lindo dein Vater ist, und, das er mit Manuela deiner Mutter zusammen war, und dort das  Buch vergessen hat. Also so ein komischer Zufall nicht?“ Sie schien unbeeindruckt von seinen Worten zu sein und ging weiter sehr gewissenhaft ihrer Tätigkeit nach. Zu gewissenhaft, wie es Alex schien. „Hey Carmen meinst du nicht, dass der Teller sauber ist? Du schrubbst schon seit drei Minuten daran herum!“ Sie sah erschrocken auf und ließ den Teller ins Spülbecken gleiten. „W…was bitte? Wie?“, stammelte sie  plötzlich. Alex schaute ihr erstaunt zu. Was war bloß mit ihr los? Was hatte sie so verwirrt? „Carmen? Was ist los mit dir?“ fragte er, und drehte die verstört wirkende Frau zu sich herum, damit er sie besser ansehen konnte. Das Gesicht schien jede Farbe verloren zu haben. Sie begann zu zittern. Dann fing sie sich wieder, straffte ihren Körper, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Alex gab es erst einmal auf, ihm fiel nichts mehr ein, um Carmen aus der Reserve zu locken. So half er ihr schließlich und gemeinsam brachten sie die Küche wieder in Ordnung. „So, ich muss wieder los! Ich habe noch etwas zu erledigen. Bestell Isa mal schöne Grüße, ja!“, verabschiedete sich Carmen und wandte sich zum gehen aber Alex hielt sie noch ein letztes Mal am Arm zurück. Langsam, sehr langsam mit sehr deutlich betonten Worten begann er zu sprechen. „Isa wohnt nicht mehr hier! Sie ist seit ein paar Tagen verschwunden. Mit Eldín, schon vergessen?“ Sie schaute ihn verständnislos an, zeigte keine Regung. Sie schien sich nicht einmal dafür zu interessieren, wo ihre Freundin war. Wieso war es ihr so egal? Alex wurde wütend. Das geschah bei ihm sehr selten. Nicht oft konnte ihn jemand aus der Ruhe bringen. Er überging lieber Diskussionen, anstatt sich ihnen zu stellen. Probleme gab es für ihn nicht, und Konflikte konnte man doch wunderbar aus der Welt schaffen, in dem man nicht mehr über sie sprach. Aber diesmal erkannte er den ernst der Lage. Er packte Carmen an den Schultern und schüttelte sie. „Was um Himmels Willen ist bloß mit dir los? Hast du irgendwas genommen? Ich erkenne dich überhaupt nicht mehr wieder!“ Carmen riss sich von ihm los, und verließ fluchtartig die Wohnung.

Alex folgte einem Impuls, einer Art Eingebung, obwohl er an so etwas nicht glaubte. Er warf sich die Jacke über und lief in einiger Entfernung Carmen hinterher. Sie war nicht zu Fuß, war gerade im Begriff sich in ihr Auto zu setzen. Alex zerrte die Autoschlüssel aus seiner Hosentasche hervor, wo er sie immer trug, stieg ebenfalls in sein Auto und folgte ihr mit einigem Abstand. Die Frau schien den Verfolger nicht zu bemerken. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt an ihren Bestimmungsort zu gelangen.

Die Fahrt führte aus der Stadt hinaus. Links und rechts der Landstraße standen die noch kahlen Bäume. Alex musste sich nicht beeilen, denn Carmen fuhr ohne Hast die Straße entlang. Schließlich bog sie in einen Feldweg ein. Sie fuhr bis zum Ende durch. Dort stand ein altes Bauernhaus. War das nicht Carmens Elternhaus? Alex war schon einmal hier gewesen. Er fuhr sehr langsam den Feldweg entlang. Carmen war schon im Begriff ins Haus zu gehen. Das konnte er gerade noch sehen. Er parkte seinen Wagen außerhalb des Hofes. Stieg aus, um den Rest des Weges zu Fuß zu gehen.

Er ging vorsichtig in den Hof, denn er wollte ungesehen bleiben. Er wusste nicht wer hier in diesem Haus noch wohnte. Der Hof schien gepflegt zu sein. Das Haus war aus roten Ziegeln gebaut. Es stand in der Mitte. Rechts und links davon gab es zwei längliche Gebäude, die ebenfalls rot waren. Man konnte bei ihnen noch die alten Fachwerkbalken sehen. Das Haus war hübsch anzusehen, und die freundlich dreinschauenden Fenster sahen einladend aus. Carmen hatte die Tür beim Hindurchgehen geschlossen. Nun war Alex ausgesperrt. Was wollte die junge Frau in diesem Haus? Alex wusste es nicht. Einem Impuls folgend ging er um das Haus herum, immer sehr vorsichtig um die Ecken schauend und lauschend. Er entdeckte eine Kellertreppe. Vorsichtig stieg er die schmalen, ausgetretenen Stufen hinunter. Die Tür war aus schwerem Stahl. Sie war zwar verschlossen, aber außen steckte ein verrosteter Schlüssel. Er drehte ihn im Schloss, es knackte laut, sodass er inne hielt und horchte. Schließlich öffnete er die Tür, und trat in die Dunkelheit hinein.

Er wagte es nicht Licht zu machen. So tastete er sich von Raum zu Raum. Es roch nach Moder und Feuchtigkeit im gesamten Keller, eben ein altes Gemäuer, so sagte Alex sich. In einem der dunklen Räume fand er eine Taschenlampe. Dort befanden sich außerdem allerhand Geräte und Werkzeuge, die fein säuberlich in Regalen verstaut waren. Alex nahm die Lampe und knipste sie an. Ein kleiner, weißer Lichtkegel durchbrach die Finsternis. Seine Augen hatten sich außerdem ein wenig an das Dämmerlicht gewöhnt, und so wirkte alles nicht mehr ganz so bedrohlich für ihn. Alex bog um eine Ecke, und da war ein Geruch den er gar nicht deuten konnte. Er passte nicht hierher. Er lauschte, im Haus schien sich nichts zu rühren. Alex drückte die Klinke einer hölzernen Tür herunter, aber sie ließ sich nicht öffnen. Er versuchte es noch einmal und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Fast wäre er kopfüber in den Raum, der dahinter lag gestürzt, denn die Tür öffnete sich plötzlich mit Schwung. Alex konnte sich gerade noch abfangen. Vorsichtig blickte er sich um und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, denn das, was er nun sah erschütterte ihn bis ins Mark! Dort lag ein Mann, der sehr groß war. Sein Haar war lang, und hing ihm wirr ins Gesicht. Er schien sein Bewusstsein verloren zu haben. Der Unbekannte war an den Händen mit Stricken gefesselt, die um zwei Eisenringe gebunden waren. Die Beine waren ebenfalls mit einem Strick zusammen geschnürt. Er rührte sich nicht. Mit seinem Kopf lag er zur Hälfte in Erbrochenem, und um seine Beine hatte sich eine kleine Pfütze gebildet. Was war hier geschehen? Warum hatte man ihn hier hergebracht. Hatte man ihn absichtlich allein gelassen oder einfach nur vergessen? Alex kniete sich neben den Mann und löste ihm die Arm und Beinfesseln. „Wer kommt bloß auf solche perversen Ideen?“, murmelte er in die Stille hinein. Und nun erkannte er auch endlich wen er vor sich hatte, es war Lindo! Sein lebloser Körper lag schlaff auf dem Boden. Er rührte sich nicht, und Alex konnte den Atem des anderen kaum noch spüren. Er versuchte Lindo zu wecken, aber es gelang ihm nicht. Was sollte er nun tun? Es drängten sich Alex so viele Fragen auf, und weil er wusste, das er keine Antworten bekommen würde, verdrängte er sie in die hinterste Ecke seiner Gedankenwelt. „Ich glaube das war das Werk eines Verrückten, oder mehrerer?“ Fassungslos schaute er auf den leblosen, hilflosen Mann hinab.

Sein Zustand war kritisch, dass ahnte Alex. Er wollte ihn so schnell wie möglich aus dieser misslichen Lage befreien. Lindo wirkte verwahrlost. Sein Körper war schmutzig, und er war nur mit einem Hemd und der engen Hose bekleidet. Den Rest der prachtvollen Kleidung hatte man ihm offenbar genommen. Alex suchte im gesamten Keller nach Wasser. Es schien ihm wichtig, das Lindo etwas zu trinken bekam, sollte er doch einmal aufwachen. Er fand in einer kleinen Nische ein altes, verschmutztes Waschbecken. Aus dem Wasserhahn, der ziemlich rostig war, tropfte ein wenig Wasser. Der Hahn ließ sich nicht mehr öffnen, so füllte er Tropfen für Tropfen in ein kleines Gefäß, das er dort in der Nähe fand. Als Alex zurück kam, stockte ihm der Atem! Über Lindo gebeugt stand in dem nun erleuchteten Raum, Carmen! Sie hielt einen Gegenstand in der Hand. Es war ein Hammer! Alex lief es eiskalt den Rücken herunter. Blitzschnell stellte er den Becher beiseite und riss ihr das Werkzeug aus der Hand. „Nein, nein, nein!!! Lass mich, er hat den Tod verdient!

Das Schattensiegel (aus verschiedenen Kapiteln.

Ausschnitt aus Kap. 6

Im Wohnzimmer angekommen legte Isa den leblosen Körper ihres Sohnes wieder auf die Couch. Carmen stand verloren in dem geräumigen aber sehr gemütlichen Raum. „Setz dich Carmen!“, sagte Isa, und wies mit der Hand auf die riesige Couch. Carmen zögerte, legte ihren langen Kapuzenmantel ab, und nahm vorsichtig Platz. Unter ihrem Mantel trug sie ein dunkelblaues Kleid. Es war sehr weit aber schmucklos. Nur oben am Hals glitzerte eine blütenförmige Brosche hervor. Isa kam dieses Kleid auf irgendeine Weise bekannt vor, aber sie konnte es nicht ergründen, wo sie es schon einmal gesehen hatte. Lilly und Alex hatten nun ebenfalls den Raum betreten. „Mama, ist das wirklich deine Freundin, die du so vermisst hast?“, fragte plötzlich die neugierig drein blickende Lilly. „Ja, das ist meine Freundin Carmen. Sie ist damals von uns weggegangen, weil sie in der anderen Welt leben wollte.“ Lilly schaute Carmen noch neugieriger an. Und Isa wurde es unangenehm.

„Lilly, sei nicht so aufdringlich. Man schaut fremde Leute nicht so neugierig an. Habe ich dir das nicht schon einmal gesagt?“ Lilly zog den Kopf bei diesen tadelnden Worten ein, und setzte sich auf die äußerste Kante der Couch, aber Carmen lächelte dem Mädchen freundlich zu. „Du siehst aus wie früher deine Mutter.“ Lilly grinste verlegen und wurde rot. Und plötzlich begannen alle zu lachen. „Wie bin ich froh, euch wiederzusehen!“, warf Carmen ein, die immer noch lachen musste. „Wie lange habe ich schon nicht mehr so gelacht, und, ich habe diese Sprache so vermisst. Aber nun genug davon. Ich werde nun meinen Vater herbeirufen. Die Zeit wird knapp. Wir müssen die Seele dieses kleinen Jungen befreien. Aber ich kann dies leider nicht tun. Meine Fähigkeiten sind nur ganz schwach. Aber das ist jetzt unwichtig.“ Mit diesen Worten setzte Carmen sich auf der Couch zurecht. Sie holte einen braunen Lederbeutel hervor, und nach einiger Zeit förderte sie einen lila Stein zutage. Er schien von innen zu leuchten. Die junge Frau nahm ihn in ihre linke Hand, dann schloss sie die Augen. Carmens Gesicht sah plötzlich aus, als wäre jegliches Leben daraus verschwunden. Es schien, als würde sie das, was sie tat, furchtbar anstrengen. Die kleine Familie hielt den Atem an. Alex zuckte mit den Schultern, denn er hielt noch immer nicht viel von diesen phantastischen Zauberdingen. Das hatte sich in der Zeit nicht geändert. Nach einer kleinen Ewigkeit öffnete Carmen wieder die Augen und schaute die anderen zufrieden an. „Es wird jemand kommen, der uns helfen kann. Allerdings wird es nicht mein Vater sein. Ihr müsst ihm vertrauen, auch wenn das, was bald geschehen wird euch schrecklich und grausam erscheinen mag. Es wird an die Seele und an eure Kräfte gehen und es müssen alle helfen. Und – was am wichtigsten ist, ihr müsst es alle unbedingt glauben und mittragen, und dürft nicht zweifeln. „Schaffst du dass Alex?“, fragte Carmen in strengem Ton. Aber ihr Gesicht sprach eine andere Sprache. Es schaute leicht belustigt in die Runde. Alex schluckte schwer. „Okay, ich werde mich bemühen.“ Carmen schüttelte den Kopf. „Nein Alex, du musst es wollen, deine Bemühungen alleine reichen nicht aus. Du musst deine Vorbehalte fallen lassen und an die Dinge glauben, die nachher geschehen werden, und du musst loslassen und Vertrauen haben, auch wenn du diese Dinge niemals begreifen wirst. Nachher wird ein Mann zu uns kommen, der hinunter in die Schattenwelt gehen wird. Sein Name ist Amdras und er ist Lindos Sohn. Meinem Vater wurde eine andere Aufgabe übertragen, darum kann er heute nicht bei uns sein. Dennoch könnt ihr auch diesem Mann vertrauen, auch wenn er euch zu Anfang streng und unnahbar erscheinen wird, so hat er doch ein freundliches Herz und er hat versprochen eurem kleinen Jungen zu helfen. Und noch eins, bitte stellt keine Fragen, denn für Erklärungen ist jetzt nicht die Zeit. Aber auch sie wird kommen und dann sollt ihr erfahren was wirklich geschieht. Denn ich weiß, dass ihr viele Fragen habt, die nach Antworten verlangen.“ Bei diesen Worten schaute sie vor allem Lilly an, die sich noch ein Stück weiter in ihre Ecke verkroch und krampfhaft auf ihre Hände schaute.

Unwillkürlich musste das Mädchen an den Morgen denken, an dem sie die Steine genommen hatte. Im Stillen begann sie sich plötzlich dafür zu hassen. Carmen schien ihre Gedanken erraten zu haben. So ging sie zu ihr, hockte sich vor Lilly hin und nahm ihre Hände, die leicht zitterten. „Ist schon gut, du kannst nichts dafür, es wäre wahrscheinlich sowieso geschehen“, bemerkte Carmen und lächelte dem Kind aufmunternd zu. 

Ausschnitt aus Kap. 8:

Während sich Lilly und Laurin durch die Ebene kämpften und Amdras um sein Leben rang, spielten sich in dem gemütlichen Wohnzimmer seltsame Dinge ab, und stellten den Rest der Gruppe, die über die drei schlafenden wachten auf eine harte Probe.

Carmen wanderte ruhelos in ihrem nachtblauen Kleid im Wohnzimmer auf und ab. Ihre braunen, nun sehr langen Haare schimmerten matt im Schein des Kaminfeuers. Sie hatte das Feuer wieder in Gang gebracht, denn sie wusste, dass diese Nacht lang und anstrengend und voller dunkler Schatten und Ereignisse sein würde. Amdras hatte sie darauf vorbereitet. Aber sie hätte nie geahnt, was wirklich auf sie und die kleine Gemeinschaft zukommen sollte, und es war gut, dass sie nicht alles wusste.

Isa hatte die Augen geschlossen, die Wärme von Alex Hand, die in ihrer lag, tröstete sie ein wenig. Das Kribbeln war nun stärker geworden, und sie hatte das Gefühl das jemand an ihrem Geist, ihren Gedanken riss. Ihr Kopf dröhnte, und manchmal überkam sie ein unangenehmer Schwindel. Hinter den geschlossenen Augenlidern flackerten bunte Lichter. Isa zwang sich die Augen geschlossen zu halten, wie es ihr immer und immer wieder eingeschärft worden war. Sie konzentrierte sich weiter, bis sie einen kalten Luftzug spürte. Er schien sich um sie herum zu schlängeln und berührte sie zuerst an der linken Hand, die Laurins kleine Faust hielt. Dann war er plötzlich verschwunden, und Isa war versucht nachzusehen, denn sie vermutete, diesen unangenehmen Luftzug nun bei ihrem Sohn. Aber sie hatte sich geirrt, denn jetzt wurde auch Alex, der neben ihr saß, und dessen Hand sie ebenfalls hielt, unruhig. Sie spürte, wie ein Zittern durch seinen Körper lief. Was geschah hier? Isa musste sich immer mehr anstrengen, der Versuchung zu widerstehen, ihre Augen zu öffnen. In ihr brannte eine Neugier, die sie bisher nicht kannte. „Es kann doch nicht schaden, einen ganz kleinen Blick zu riskieren, was soll schon passieren!“, dröhnte es plötzlich in Isas Gedanken. Aber sie wusste, dass das Leben ihrer Kinder davon abhing, dass sie sich konzentrierte und ihre Lebenskraft zur Verfügung stellte, die zweifellos immer wieder angezapft wurde. So jedenfalls fühlte es sich für Isa an. Die in regelmäßigen Abständen ein Ziehen und Zerren im ganzen Körper spürte, das von Schwindel und Übelkeit begleitet wurde. Mit aller Kraft widersetzte sie sich dem Impuls nach den anderen zu sehen. Allmählich wurde sie wieder etwas ruhiger. Auch Alex schien sich wieder gefasst zu haben. Aber die Ruhe sollte nicht lange dauern. Isa vernahm plötzlich einen erstickten Schrei.

Aus Kap.9:

Die Ereignisse der letzten Wochen lagen wie ein dunkler Schatten auf dem alten Bauernhaus, das für die Familie immer ein wunderbarer, gemütlicher Ort gewesen war. Aber nun schien alles anders zu sein. Das Haus wirkte plötzlich bedrohlich. Und so manches Mal erschraken seine Bewohner schon bei einem Schatten an der Wand. Immer wenn Lilly durch die Zimmer streifte, hörte sie ein Flüstern, ein Wehklagen und manchmal auch ein Raunen. Es schien aus den Wänden zu kommen. Es war immer um sie herum, und es schien niemals ganz aufzuhören. Isa ertappte ihre Tochter manches Mal dabei, wie sie mit geschlossenen Augen auf ihrem Bett saß und sich die Ohren zuhielt. Dann dauerte es lange, bis sie das Mädchen beruhigen konnte. Aber an manchen Tagen war Lilly nicht zu trösten. Laurin hingegen schien von all diesen Ereignissen am allerwenigsten berührt worden zu sein. Er wirkte ruhig, fast gelassen. Manchmal war der Junge Isa etwas fremd, und Lilly behauptete sogar, dass er zuweilen etwas unheimlich auf sie wirkte. Aber das wollten die Eltern nicht hören, obwohl Lilly immer wieder beteuerte, dass hier etwas nicht stimmte. Schließlich gab Lilly resigniert auf, und so gerieten ihre Beobachtungen und Warnungen in Vergessenheit. Und die Schatten begannen zu schrumpfen. Für Lilly blieben aber dennoch die Träume, die sie in jeder Nacht heimsuchten. Sie sprach nicht darüber, und wenn sie morgens aufwachte waren die Dinge die sie träumte in weite Ferne gerückt. 

 

Aus Kap. 11

Erschrocken fuhr Isa hoch, offensichtlich war sie doch eingenickt, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, über alle zu wachen. Aber die Anstrengungen und die Verzweiflung, von denen sie alle in der vergangenen Nacht heimgesucht wurden, hatten sie doch mehr erschöpft, als sie sich selbst eingestehen wollte. Isa blickte sich verschlafen um und wollte sich gerade noch einmal gemütlich auf der Couch zurücklehnen, als ihr Blick plötzlich von etwas angezogen wurde. Sie sah zum Fenster hinüber, durch das ein paar Lichtpunkte durch die Ritzen der Rollos in den Raum hineinfielen. War der Nebel fort, und schien tatsächlich die Sonne, wie sie es vermutete, und hoffte. Aber da war noch etwas, das ihren Blick fesselte. Am Fenster stand eine kleine, dünne Gestalt. Kerzengerade stand sie da und unbeweglich, als hätte man sie dort für alle Ewigkeiten hingepflanzt. Isa musste unwillkürlich an einen jungen Baum denken. Sie stand leise auf und ging auf den Schatten zu, um im letzten Augenblick inne zu halten, denn dort stand wie versteinert, Laurin! Er schaute ins Leere, und sein Gesicht wirkte wie in Stein gemeißelt. Eine Weile sah sie ihren Sohn an, aber nun nicht mehr mit der innigen Liebe, die sie für den kleinen Jungen empfand, sondern mit Skepsis und Vorsicht, denn sie wusste, das sie nur die äußere Hülle ihres Kindes vor sich sah. Sie vermutete es, und es hatte den Anschein, als hätte sie recht, denn er reagierte auf keine Berührung, und rührte sich nicht vom Fleck als Isa ihn ansprach. Verzweifelt wandte sie sich von dem Jungen ab und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Aber es wollten keine Tränen kommen. Dann straffte sie sich, und zog leise die Rollos hoch um den freundlichen Tag hereinzulassen. Vielleicht würde er sie ja über all ihren Kummer hinwegtrösten. Isa blieb eine Weile vor dem Fenster stehen, durch das eine warme Sonne herein lächelte. Laurin schien dies nicht zu bemerken, denn er blieb an seinem Platz, bewegungslos und apathisch. 

….

Aus Kap.12

Lilly hatte die ganze Nacht tief und traumlos geschlafen. Als sie am nächsten Morgen erwachte, atmete sie eine herrliche Luft ein. Sie roch nach süßem Blütenduft, und schien klar und belebend zu sein. Schnell wurden ihre Lebensgeister geweckt, die noch in der Nacht durch Trauer, Angst und Einsamkeit fast zerstört worden waren. Sie war wie gelähmt gewesen, als sie in dem tiefen, dunklen Wald gesessen hatte. Das kleine Männlein hatte ihr nicht nur Speise und Trank angeboten, sondern ein wenig Trost gespendet. Sie war nicht allein. Den Rest hatte das Kräutergetränk getan. Sie war in einen tiefen Schlaf gesunken, der sie alles vergessen ließ. Nun war sie von Vogelgezwitscher und wunderbaren Düften umgeben. Die Dunkelheit schien fortgewischt zu sein. Lilly rieb sich verwundert die Augen, wagte aber nur ein kurzes Blinzeln, denn die Helligkeit tat ihr in den Augen weh. Noch immer fühlte sie sich leicht benebelt, wie in einem Rausch. Aber das Gefühl gefiel ihr. Sie hatte keine Angst mehr, und sie war froh, der Dunkelheit des tiefen Waldes entronnen zu sein. Eine Zeitlang blieb sie ausgestreckt unter der weichen Decke liegen, die man über sie gebreitet hatte. Aber als die Neugier stärker wurde, sie die Ungewissheit nicht länger ertragen konnte, richtete sie sich auf und öffnete endlich die Augen. „Wo bin ich? Wie komme ich hierher und wer hat mich in dieses Zimmer gebracht und mich zugedeckt?“, murmelte Lilly vor sich hin während sie mit zusammengekniffenen Augen umher blickte. Alles kam ihr viel zu hell und viel zu unwirklich vor. Träumte sie?

Das erste was Lilly sah, als sie die Augen wieder aufschlug, war, dass sie in einem großen Bett saß. Es hatte an seinem Kopfende wunderschöne Schnitzereien. Das dunkle Holz wirkte etwas bedrohlich auf sie, aber die wunderschönen Blüten und Ranken hatten eine eher beruhigende Wirkung auf sie. Verwundert strich sie über die seidigen Laken, die man über sie ausgebreitet hatte. Lilly schob sie beiseite und stand auf. Langsam durchstreifte sie das merkwürdige Zimmer. Ihre nackten Füße berührten den kühlen Boden, der aus grünem Stein bestand. In der Mitte des Zimmers gab es ein kreisförmiges Mosaik. Lilly war von seinem Anblick fasziniert, denn sie erkannte einen Wasserfall, der sich in einen klaren See ergoss. Ihr war, als würde das Wasser tatsächlich den grauen Fels hinab stürzen. „Im Traum ist eben alles möglich“, murmelte Lilly gedankenverloren und setzte ihren Rundgang durch den lichtdurchfluteten Raum weiter fort.

Lilly, die sich immer noch wie im Traum fühlte, wunderte sich sehr über ihre Kleidung, die nun nicht mehr aus einer dicken Jeans, einem Sweatshirt, Turnschuhen und einer Kapuzenjacke bestand, sondern einem weichen, weiten Nachthemd gewichen war. Es fühlte sich sonderbar leicht und luftig an ihrem Körper an. „Na super, und wo sind meine Kleider, ich kann schlecht in einem Nachthemd durch die Gegend laufen“, brummte sie vor sich hin, während sie sich suchend umschaute. Endlich fand sie ihre alte, gewohnte Kleidung, die ordentlich über einem hohen Stuhl hing. Sofort zog sie das leichte Nachthemd aus und warf es achtlos aufs Bett.

Verträumt ließ das Mädchen ihre Blicke durchs Zimmer schweifen und atmete den süßlichen Blütenduft ein. Schnell lief sie zu den hohen Fenstern, die sich am anderen Ende des Zimmers befanden. Sie schienen offen zu sein oder hatten sie keine Scheiben? Lilly dachte nur kurz darüber nach, denn schon wurde ihr Blick zu den kunstvoll bemalten Wänden hin gezogen. Auf ihnen waren Wälder zu sehen, springende Pferde, ein großer Wasserfall, eine sonnenbeschienene Waldlichtung und eine Menge von Personen in weiten Gewändern, die offensichtlich ein Fest feierten. Jedes Wandgemälde war ein kleines Kunstwerk, und liebevoll mit allen Details versehen, sodass es fast lebensecht wirkte. Manche Figuren schienen fast aus den Bildern heraus zu springen, so originalgetreu waren sie gemalt. Lilly konnte sich an alldem nicht satt sehen. An einer der Wände war ein Brunnen angebracht. Aus einem Wasserspeier floss klares, kühles Wasser. Sie kostete davon, und es schmeckte wunderbar und weckte nun vollends ihre Lebensgeister. „Ist das schön hier, ich wünschte ich könnte immer hier bleiben!“, rief Lilly und tanzte im Zimmer umher, und blieb plötzlich vor einem ovalen Spiegel stehen. Sie betrachtete ihr Gesicht. Es sah wunderschön aus. „Ja klar, das ist also der Beweis, dass ich träume, so sehe ich also im Traum aus.“ Lilly zwinkerte ihrem Spiegelbild zu und zwickte sich in den Arm. „Autsch!“ Verwundert blickte sie umher. Ganz langsam wurde ihr bewusst, dass sie nicht träumte, denn im Traum spürte man keine Schmerzen. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. 

 

Weitere Leseproben gibts auch auf meiner Schreibwelt Homepagge.

http://astrids-schreibwelt.jimdo.com/leseproben-und-mehr/rund-um-fantasy/

 

Außerdem  gibt es im Almirya-Blog die XXL-Leseprobe, für alle die gerne einmal in die Geschichte hineinschmökern möchten.

http://almirya.wordpress.com/die-xxl-leseprobe/

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