Von winzigen Wichten einer Mauer und einem Traum

Wer einen Text, eine Geschichte oder gar ein Buch schreibt, der wird von vielen kleinen Helfern, winzigen Wichten und grimmigen Plagegeistern begleitet. Manche davon sind gemein, wie z.B. die Fehlerteufel, andere wiederum sind sehr fleißig und bringen alles zum Erliegen. Ich habe diese Wichte noch niemals gesehen, aber ich glaube schon das es sie gibt. Wenn ich es aber so recht bedenke, so geht es mir manchmal genauso wie Ela…

Ela sitzt an ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt und grübelnd. Sie weiß weder ein noch aus und rauft sich stundenlang die Haare. Zwischendurch lehnt sie sich auf dem knarrenden alten Drehstuhl zurück, der jeden Augenblick zusammen zu brechen droht. Verzweifelt sucht sie sich passende Musik, aber auch das hilft nichts. Der Bildschirm vor ihr bleibt leer und der Cursor blinkt und scheint ihr die Zunge heraus zu strecken. „Naja, also Cursor haben keine Zungen“,  denkt sich Ela und holt sich ein Glas Wein, stellt es neben sich und streckt dem Bildschirm ebenfalls die Zunge heraus. „Was ist das?“, ruft sie plötzlich und muss sich erst einmal setzen, denn sie traut ihren Augen kaum. Vor ihr sind doch tatsächlich kleine Männchen damit beschäftigt eine Mauer aus winzigen Steinen vor ihrem Bildschirm zu errichten. „Hallo! Gehts noch?“, ruft sie empört und muss sich noch mehr wundern, als eines der winzigen Kerle, er trägt ein blaues Cappy und eine blaue Latzhose, sich zu ihr umdreht und ruft:  „Stör uns nicht, wir haben noch viel zu tun. Komm wieder, wenn wir fertig sind!“ Ela schaut eine Weile den winzigen Wichten zu und ihr Gesicht beginnt sich langsam rot zu verfärben. „Wenn ihr so weiter macht kann ich bald nicht mehr lesen, was ich schreibe!“, ruft sie erbost und lässt ihre Hand krachend auf die Tischplatte fallen. Aber das stört die emsigen Männchen nicht. Unbeirrt bauen sie weiter.

Irgendwann wird es Ela einfach zu bunt, so steht sie resigniert von ihrem wackeligen Stuhl auf und geht zum Fernseher. Nach einiger Zeit hat sie endlich den richtigen Film gefunden, der sie allen Ärger und die Wut auf diese kleinen Plagegeister vergessen lässt.

Nach einigen Stunden ist das Fernsehvergnügen vorbei und Ela reibt sich die Augen und beschließt ins Bett zu gehen. Auf dem Weg zum Badezimmer streift ihr Blick den Schreibtisch, auf dem einmal ein Bildschirm stand. Sie reibt sich die Augen und schaut immer und immer wieder auf den Tisch, denn sie kann nicht glauben, was sie da sieht. Vor ihr haben die winzigen Männchen mit den blauen Latzhosen doch tatsächlich eine imposante Mauer errichtet. Auch. wenn sie aus winzigen Steinen besteht, so versperrt sie dennoch den Blick auf den Monitor. Ela schließt die Augen und als sie sie öffnet, prangt doch tatsächlich ein blauer Schriftzug auf der Mauer. SCHREIBBLOCKADE steht dort in Großbuchstaben. Und in kleiner, sehr unscheinbarer Schrift steht darunter: Diese Mauer ist, wenn es du willst, nur von kurzer Dauer. Ela schüttelt ärgerlich den Kopf und stupst mit ihrem kleinen Finger das filigrane Bauwerk an. Aber die Mauer zerfällt nicht und nach einer Weile gibt sie es endlich auf, gähnt und verschwindet, um sich für die Nacht fertig zu machen.

Endlich liegt Ela in ihrem Bett und bald darauf ist sie auch schon eingeschlafen. Plötzlich findet sie sich in einer eigenartigen, grauen Ebene wieder. Hier wirkt alles unwirklich und die Gegenstände, die sie wahrnimmt, sind leicht verzerrt. Manche verändern sogar ihre Form.

Verwirrt schaut sie sich um und wundert sich über die wechselnde Landschaft. „Das da hinten, kommt mir irgendwie bekannt vor!“, ruft sie und zieht sich langsam und vorsichtig zurück, denn es hat nichts Gutes zu bedeuten, dass spürt sie ganz genau. Aber Ela kommt nicht weit, denn ihr Weg ist plötzlich zu Ende. Sie stößt mit dem Rücken an eine Wand, die unnachgiebig wie die Mauer vor ihrem Bildschirm ist. „Toll! Jetzt muss ich doch zu diesem Schloss, dass eher wie eine verfallene Ruine aussieht. Und dabei habe ich doch solche Angst!

Verzweifelt drückt sich Ela an die Wand, als sie in der Ferne eine Gestalt in einem langen, nebelhaften Gewand auf sie zukommen sieht. „Jetzt wird es mir aber zu bunt!“, ruft sie und will gerade davonlaufen, als die Nebelgestalt auch schon bei ihr angekommen ist. Sie hat kein Gesicht, dennoch erinnert sie Ela an einen, den sie sehr gut kennt. „Was denn? Hast du etwa Angst?“, ruft der Nebel-Mann mit eisiger Stimme und Ela macht sich ganz klein, denn sie hört den Vorwurf in seinen Worten. „J…ja ich habe Angst, ich fürchte mich so sehr, das ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann“, antwortet Ela mit zitternder Stimme. „Da siehst du mal, was du mir die ganze Zeit antust! Ich muss hier sein, weil du es dir in den Kopf gesetzt hast. Zugegeben, diese Strafe war sehr gerecht, aber meinst du nicht, das du mich nun endlich befreien solltest? Womit habe ich das verdient? In der ersten Geschichte sperrst du mich in einen dunklen Keller, und nun das hier! Und schon wieder lässt du mich nicht mehr heraus. Das ist gemein und sehr unhöflich!“, ruft die eisige Stimme des Mannes, der nun zu einer nebelhaften Gestalt geworden ist. Ela nickt nur stumm und überlegt, wie sie ihr Gegenüber trösten kann, denn in seiner Stimme schwingt nicht nur Wut, sondern auch unendliche Trauer mit. „Ich würde dir ja gerne helfen“, antwortet Ela, „aber ich kann nicht. Vor meinem Bildschirm steht eine Mauer und darum kann ich dich nun auch nicht befreien. Aber ich verspreche dir, wenn die Mauer weg ist, dann wird das meine Aufgabe sein. Egal wer mich in Zukunft noch von meiner Arbeit abhalten will. „Ich nehme dich beim Wort! Und denk daran, ich komme jetzt jede Nacht, bis dein Versprechen erfüllt ist!“, ruft die bedauernswerte Gestalt mit donnernder Stimme und verschwindet  im Nebel. Gleichzeitig geschieht  aber noch etwas anderes. In der Ferne hört die verstörte Frau merkwürdige Laute.

Zuerst kann  Ela sie nur leise hören. Aber als sie  endlich ganz wach ist,  entpuppt sich dieses Geräusch als lautes Bellen. Vor ihrem Bett steht ein weißer, kleiner Hund und fordert sein Recht, denn es ist schon spät und die Welt ist schon wach und rundherum sind alle geschäftig.

Vergessen ist der Traum und Ela denkt auch nicht mehr an die Mauer vor ihrem Bildschirm. Sie schnappt sich die Leine, an dessen anderem Ende der weiße quirlige Hund nach draußen in die Freiheit will. So fügt sie sich und freut sich über die singenden Vögel, die klare Luft und die Wärme, die sie umgibt. „Herrlich wie das duftet!“, ruft sie. Nicht laut, sondern nur innerlich und lächelt. Vergnügt drehen sie und der Hund ihre Runden. Dabei tauchen vor Elas innerem Auge alte Mauern aus grünem Stein, blühende Bäume und bunte Blumenwiesen auf. Natürlich weiß Ela sofort wo diese Bilder hingehören und sie beginnt sich in diese Welt hinein zu träumen.

Nach einer Weile ist sie ganz in einer Geschichte gefangen und wäre fast auf dem Rasen gelandet, denn der kleine, weiße Quirl hat, wie kann es anders sein, eine Katze gesehen, die er mit lautem Getöse verfolgen möchte. Aber da hat er die Rechnung ohne die nun nicht mehr verträumte Ela gemacht, die sich geistesgegenwärtig abfängt und das weiße Fellbündel wieder auf den rechten Weg bringt.

Plötzlich kann Ela es kaum noch erwarten zu Hause anzukommen, denn sie hat so viele Ideen, die sie nun unbedingt aufschreiben will, bevor sie wieder in Vergessenheit geraten. So wirft sie die Leine in die Ecke, ignoriert den Kaffee Geruch und den bellenden Quirl, und setzt sich mit Schwung an ihren Schreibtisch. „Wo ist denn die Mauer von gestern Abend?“, ruft sie erstaunt und erntet nur ein  Kopfschütteln und ein amüsiertes Lächeln. „Nein wirklich, da war gestern eine Mauer! Und solche kleinen Wichte haben sich mit mir einen Scherz erlaubt und haben mich ausgelacht! Und nun ist sie weg!“

Ela weiß nun nicht mehr, ob sie lachen oder weinen soll. Aber eines ist ihr nun klar. Es bringt nichts, sich zum Schreiben zu zwingen. Und nun weiß sie auch, das die Ideen dann kommen, wenn sie am wenigsten an ihre Geschichten denkt. Wenn sie einen Spaziergang macht, oder. wenn sie einfach mal locker lässt.

Freudig sitzt Ela an ihrem Schreibtisch und schreibt all ihre Gedanken auf und die Geschichte nimmt langsam Formen an. Aber die kleinen Wichte und die Mauer, wird sie niemals vergessen.

 

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